Überblick über die Geschichte Schottlands

In der Frühgeschichte Schottlands bewohnten die Pikten das kaledonische Hochland. Über die Herkunft jener Fischer, Sammler und Jäger weiss man nur wenig. Pikten nannten sie die Römer wegen ihrer fast vollständig tätowierten Körper. Überhaupt weiss man das wenige, was man aus dieser Zeit weiss, von den Römern, insbesondere von Tacitus, der uns Schottland als "wildes Ende der Welt" beschreibt. Zwar gelang es den Römern immer wieder, die Pikten zu schlagen und weite Gebiete zu besetzen. Doch der Hadrianswall, auf der Höhe der Tynemündung, blieb die administrative Nordgrenze des Römischen Reiches.

Dass Schottland heute nicht Piktenland heisst, ist auf die Völkerwanderung gegen Ende des 5. Jahrhunderts zurückzuführen. Damals verdrängten die gälischen Skoten, getrieben von den Normannen, die Pikten nach Osten. Von Süden her wanderten Angeln und Sachsen ein. Wer den Hauptteil zu diesem Völkergemisch beitrug, ist schwer zu sagen. Die irischen Mönche, die Europa, und letztlich auch unseren Kanton, zum Christentum bekehrten, missionierten auch in Schottland. Um 560 landete Columban an der schottischen Westküste und bekehrte mit zwölf Getreuen die heidnischen "Barbaren" Schottlands noch vor den Angelsachsen Englands.

Aus dem darauffolgenden Dunkel der mittelalterlichen Geschichte sind uns fast nur kirchliche Zeugnisse überliefert. Nach der Landung des Normannen in England 1066 entstand die von England getrennte Kirchenordnung, die bis heute Bestand hat. Die schottischen Fürsten kamen in ein Lehensverhältnis zu den Normannen. Diese unsichere Rechtslage gab im 13. Jahrhundert Eduard I. von England den Grund für die Unterwerfung von Schottlands Süden. Der Abwehrkampf der Schotten unter Wallace und Bruce begründete den Hass auf England für die folgenden Jahrhunderte und trieb Schottland in die Auld Alliance mit Frankreich, dem grossen Feind Englands.

Die Reformation verdrängte den Katholizismus. John Knox ebnete dem Kalvinismus den Weg, und die meisten schottischen Adligen fanden Gefallen daran. Dies geschah zum Leidwesen der katholischen Königin Maria Stuart, die nach verlorener Schlacht gegen die Lords 1568 nach England flüchtete. Die Schotten wollten sie nicht auf dem Thron, und als Verbündete Spaniens und Frankreichs war sie für Englands Königin Elisabeth I. eine Gefahr. Nach 19 Jahren Haft in verschiedenen englischen Schlössern wurde Maria 1587 enthauptet.

Nach Elisabeths Tod wurde Marias Sohn Jakob König von England. Er vereinigte 1605 als Jakob I. die Kronen Schottlands und Englands (= United Kingdom). Seither ist die Geschichte Schottlands mit der Englands untrennbar verbunden.Die Stuarts (Stewart) waren durchaus fähige Herrscher. Nach den Wirren des Bürgerkrieges und Cromwells Diktatur kam aber mit Georg I. das Fürstengeschlecht der Hannoveraner zu Königswürden. 1714 war die Geburtsstunde des Begriffs Grossbritannien, Georg wurde der erste König Grossbritanniens und Irlands, das Haus Hannover nennt sich heute Windsor.

1745 versuchte Prinz Karl Eduart Stuart, mit französicher Hilfe seine Familie wieder auf den Thron zu bringen. Damit begann eine jahrhundertelange Tragödie für das schottische Volk. Die Franzosen brachten den jungen Hitzkopf zwar nach Schottland, aber ohne gut ausgerüstete französiche Truppen. Bonnie Prince Charlie, wie ihn seine Anhänger nannten, vertraute ganz auf den Klang seines Namens und die Kampfbereitschaft "seines" Volkes. Seine Streitmacht wuchs von Tag zu Tag. Die Hannoveraner sandten dem Prinzen ein Heer unter dem Herzog von Cumberland entgegen. Am 16. April 1746 trafen sich die beiden Heere auf dem Culloden Moor. Charlies irische "Generäle" , denen er uneingeschränkt vertraute, unterliessen in ihrer Arroganz und Besserwisserei alles, was nötig gewesen wäre, um in einer Schlacht bestehen zu können und wozu ihnen einzelne Clanchefs rieten. Charlie selber hatte keine militärische Erfahrung. Von den Franzosen verraten, von ihren Generälen feige im Stich gelassen wurden die 3000 Highlander in nur zwanzig Minuten dahingemetzelt. Von einer Schlacht im eigentlichen Sinne konnte keine Rede sein. Prinz Karl floh nach Frankreich, wo er sich den Freuden des Lebens hingab und "sein" leidendes Volk rasch vergass. Die Forty-fife-Rebellion wurde in romantischer Verklärung zwar immer wieder als schottische Befreiungstat dargestellt, war aber mit all ihren Folgen eine einzige Katastrophe. Im übrigen dienten unter dem Herzog von Cumberland ebenfalls vor allem Schotten. Die Campbells beispielsweise kämpften lieber auf englischer Seite, als Seite an Seite mit ihren Erzfeinden, den MacDonalds.

Cumberland der Schlächter (nach seinem Sieg wurde er Ehrenbürger von Edinburgh) begann nun mit ethnischen Säuberungen der Highlands (highland clearences), die damals noch stark besiedelt waren. Das Tragen des Kilts, das Zeigen eines Tartan, ober das Dudelsackspielen, wurden verboten. Gälisch durfte nicht mehr gesprochen oder gesungen werden. All dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schottland, vor allem die Lowlands, von der Union mit England wirtschaftlich stark profitierte und Hand in Hand mit der ersten Industrienation den Weltmarkt eroberte.

Das 18. Jahrhundert brachte Europa auch eine Reihe bedeutender schottischer Schriftsteller. Sir Walter Scott und Robert Burns waren Wegbereiter auch der deutschen Romantik. Die Industrialisierung ermöglichte verbesserte Anbaumethoden in den Lowlands. Die reichen Land-Lairds und Clan Chiefs der Highlands hingegen fanden es erträglicher, ihr Land Schafzüchtern zu verpachten. Eine auch noch so grosse Herde Schafe braucht zwar viel Land, aber nur zwei Schafhirten. Die vielen Taglöhnerfamilien, die früher der Ackerbau ernährte, blieben vor die Wahl gestellt, zu verhungern oder auszuwandern. Die Lords vollendeten Cumberlands Werk, und bis heute sind die Highlands nur spärlich besiedelt. Man hatte Menschen durch einträglichere Schafe ersetzt und baute sich davon viele der Castles, die wir heute in Schottland bestaunen können.

Die deutschen Romantiker des 19. Jahrhunderts waren es auch, die Schottland als Reiseziel entdeckten. Und nicht nur sie. Auch Königin Viktoria entdeckte Schottland und lernte es lieben. Nicht zuletzt ihr ist es zu verdanken, dass die schottische Folklore wieder auferstehen konnte, nachdem das Militär über ein Jahrhundert land die einzige Möglichkeit gewesen war, den Kilt zu tragen oder Dudelsack zu spielen.

Dennoch brachte das Bevölkerungswachstum in der Blüte der Industrialisierung eine zweite Auswanderungswelle in alle Teile des britischen Weltreiches. Aber auch die Städte in Schottland entfalteten sich und das Land wurde zum industriellen Zugpferd Grossbritanniens. Heute ist das vor hundert Jahren meist industrialisierte Gebiet der Welt eher ein Problemgebiet. Die zweite Industrialisierung der Elektronik- und Pharmaindustrie machte Schottland erst spät und nach und nach mit. Erst das Nordseeöl brachte Schottland den Antrieb, der es ins 21. Jahrhundert bringen wird. Erfolgreiche, wenn auch nicht sehr bedeutende Wirtschaftszweige sind die Whiskyproduktion oder die Schafswollverarbeitung. Die Arbeitslosenrate ist mit 13.6 % deutlich höher als der britische Durchschnitt, aber immer noch tiefer als die der nordenglischen Industriegebiete.

Natürlich haben diese schlechten wirtschaftlichen Bedingungen immer wieder dazu geführt, dass sich Nationalisten von einem Bruch mit England und Wales auch eine soziale Besserung erhofften. Von einer völligen "Unabhängigkeit" wollen jedoch nur gerade 19 % etwas wissen, die meisten Schotten sind hier realistischer. Schottland ist ohne Grossbritannien und Grossbritannien ohne Schottland nur schwer vorstellbar. Eigene Kultur und eigenes Volkstum ist auch im gemeinsamen politischen Rahmen, wie ihn London bietet, möglich. Die technologischen Fortschritte der letzten Jahre, die guten Rohstoffe für den Whisky, das Lammfleisch und der Lachs, aber vor allem die Vitalität und Menschlichkeit der Schotten sind die besten Voraussetzungen für die nächsten Jahrhunderte Schottlands.